top of page

Warum wir so streng mit uns selbst sind – und wie das entstanden ist

  • Autorenbild: michaelarojko
    michaelarojko
  • 5. Jan.
  • 2 Min. Lesezeit

Viele Menschen kennen eine innere Stimme, die bewertet, korrigiert und antreibt. Sie meldet sich, wenn etwas nicht gelingt, wenn Erwartungen nicht erfüllt werden oder Pausen eingelegt werden. Diese Selbstkritik wirkt oft selbstverständlich – als gehöre sie einfach zur eigenen Persönlichkeit. Tatsächlich hat sie jedoch eine Geschichte.


Strenge mit sich selbst entsteht nicht zufällig. Sie entwickelt sich meist früh und erfüllt zunächst eine wichtige Funktion.


Wie Selbstkritik entsteht


In der Kindheit sind wir auf Zugehörigkeit angewiesen. Anerkennung, Sicherheit und Beziehung hängen davon ab, wie wir uns anpassen und wahrgenommen werden. In diesem Kontext lernen viele Menschen, bestimmte Anforderungen zu erfüllen: leistungsbereit zu sein, Rücksicht zu nehmen, stark zu wirken oder keine Belastung darzustellen.


Die innere Strenge entwickelt sich häufig aus frühen Beziehungserfahrungen. Sie hilft zunächst dabei, Erwartungen wahrzunehmen und sich daran zu orientieren. Was damals Schutz und Zugehörigkeit ermöglichte, verfestigt sich im Laufe der Zeit jedoch zu einer inneren Instanz, die bewertet und lenkt – oft über das hinaus, was im heutigen Leben notwendig wäre.


Wenn Anpassung zu einem inneren Anspruch wird


Diese innere Haltung bleibt häufig auch im Erwachsenenalter wirksam. Sie tritt besonders dann in den Vordergrund, wenn Unsicherheit entsteht, Entscheidungen anstehen oder eigene Grenzen spürbar werden. Statt Halt zu geben, formuliert sie Anforderungen: weiterzumachen, leistungsfähig zu bleiben, Erwartungen nicht zu enttäuschen.


Dieser innere Anspruch ist selten bewusst gewählt. Oft geht er mit dem Gefühl einher, sich Pausen nicht erlauben zu dürfen oder eigene Bedürfnisse zurückzustellen. Was einst Orientierung bot, wirkt dann als innerer Druck, der wenig Raum für Zweifel, Fehler oder Erholung lässt.


Warum Strenge sich so hartnäckig hält


Innere Strenge vermittelt scheinbar Kontrolle. Sie verspricht Sicherheit: Wer sich selbst streng überwacht, vermeidet Fehler, Ablehnung oder das Gefühl, nicht zu genügen. Gerade in belastenden Lebensphasen kann diese Haltung kurzfristig stabilisierend wirken.


Langfristig jedoch führt sie häufig zu Erschöpfung, innerem Druck und einem distanzierten Umgang mit den eigenen Bedürfnissen. Das eigene Erleben wird bewertet, statt ernst genommen.


Ein anderer Blick auf die innere Stimme


Veränderung beginnt selten damit, die Selbstkritik „abzustellen“. Hilfreicher ist es, ihre Funktion zu verstehen. Die strenge innere Stimme hat oft versucht, zu schützen und Orientierung zu geben. Sie war ein Versuch, mit Anforderungen umzugehen.


Wenn diese Perspektive zugelassen wird, entsteht Abstand. Selbstmitgefühl bedeutet in diesem Zusammenhang nicht Nachsicht um jeden Preis, sondern ein realistischer und freundlicherer Blick auf sich selbst – mit der Anerkennung, dass Entwicklung Zeit braucht.


Fazit


Streng mit sich selbst zu sein ist kein persönlicher Mangel, sondern das Ergebnis gewachsener Erfahrungen. Wer beginnt zu verstehen, woher diese innere Haltung kommt, schafft die Grundlage für Veränderung. Entlastung entsteht nicht durch Selbstoptimierung, sondern durch ein zunehmendes Verständnis für die eigene Geschichte und die eigenen inneren Maßstäbe.

 
 
 

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Kommentare


bottom of page