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Warum Nähe manchmal überfordert – auch in guten Beziehungen

  • Autorenbild: michaelarojko
    michaelarojko
  • 19. Jan.
  • 2 Min. Lesezeit

Nähe gilt als etwas Erstrebenswertes. Sie steht für Verbundenheit, Vertrauen und emotionale Sicherheit. Umso irritierender ist es für viele Menschen, wenn sie sich gerade in stabilen Beziehungen zeitweise überfordert fühlen. Das Bedürfnis nach Abstand taucht auf, obwohl die Beziehung als grundsätzlich gut erlebt wird.


Diese Ambivalenz ist kein Zeichen von Beziehungsunfähigkeit, sondern Ausdruck innerer Prozesse, die in Nähe besonders spürbar werden.


Nähe aktiviert innere Themen


Emotionale Nähe bedeutet, gesehen zu werden – mit Bedürfnissen, Unsicherheiten und Grenzen. Für viele Menschen ist das mit alten Erfahrungen verknüpft: Erwartungen erfüllen zu müssen, Verantwortung zu übernehmen oder die Stimmung im Gegenüber zu regulieren.


In solchen Momenten wird Nähe nicht nur als Verbindung erlebt, sondern auch als Anforderung. Selbst in wohlwollenden Beziehungen kann dadurch innerer Druck entstehen, ohne dass es einen konkreten äußeren Anlass gibt.


Wenn Verbundenheit und Autonomie in Spannung geraten


Beziehungen bewegen sich immer im Spannungsfeld zwischen Nähe und Eigenständigkeit. Wird Nähe intensiv, kann das Bedürfnis nach Selbstbestimmung in den Hintergrund geraten. Manche Menschen reagieren darauf mit Rückzug, innerer Distanz oder dem Wunsch nach Alleinsein.


Diese Reaktionen sind keine Ablehnung des Gegenübers, sondern oft der Versuch, innere Balance herzustellen. Nähe kann überfordern, wenn eigene Grenzen nicht klar gespürt oder kommuniziert werden.


Alte Beziehungsmuster werden spürbar


In vertrauten Beziehungen werden häufig alte Muster aktiviert. Wer früh gelernt hat, für Harmonie zu sorgen oder Erwartungen vorwegzunehmen, erlebt Nähe möglicherweise als Verpflichtung. Andere reagieren mit Überanpassung oder innerem Abschalten.


Diese Muster laufen meist unbewusst ab und haben weniger mit der aktuellen Beziehung zu tun als mit früheren Beziehungserfahrungen.


Nähe braucht innere Beweglichkeit


Nähe wird dann entlastend, wenn sie nicht mit Selbstaufgabe verbunden ist. Das setzt voraus, eigene Bedürfnisse wahrzunehmen und sich das Recht auf Abstand ebenso zuzugestehen wie den Wunsch nach Verbundenheit.


Innere Beweglichkeit bedeutet, zwischen Nähe und Distanz wechseln zu dürfen, ohne Schuldgefühle oder Angst vor Verlust. Diese Fähigkeit entwickelt sich oft erst dann, wenn innere Erwartungen bewusst werden.


Fazit


Nähe kann auch in guten Beziehungen überfordernd sein. Sie macht innere Themen sichtbar, die sonst im Hintergrund bleiben. Wer diese Ambivalenz ernst nimmt, schafft die Grundlage für eine reifere Form von Verbundenheit – eine, die Nähe zulässt, ohne sich selbst dabei zu verlieren.

 
 
 

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